Blog

Das sieht aus wie Tanzen…

Das sieht aus wie Tanzen…

Bei einem meiner letzten Aikido in Business Seminare gab es die Gelegenheit, eine kurze Vorführung dessen zu machen, wie Aikido aussehen kann, wenn es von zwei erfahreneren Aikidoka (Aikido-Übende) ausgeführt wird. Ausnahmsweise war dieses Mal mein Mann als mein Assistent mit dabei, der so wie ich Träger des vierten Dans (schwarzen Gürtels) im Aikido ist. Zusammen demonstrierten wir erst ein paar Entwaffnungen gegen Messerangriffe, gefolgt von einigen Techniken ohne Waffen. Nach der Vorführung kamen bei den Teilnehmern des Seminars interessante Fragen dazu auf, die mich veranlassten, das Thema der Kooperation näher zu beleuchten.

Häufig werden Aikidoka mit dem Kommentar konfrontiert, dass ihre Kunst ein bisschen wie Tanzen aussehe. Meist ist damit (vielleicht sogar etwas abfällig) gemeint, dass es nicht wie Kämpfen wirkt und somit nicht wirklich “echt”.

Lässt man sich von dieser Aussage nicht verunsichern, sondern sieht genau hin, was dahinter steckt, kann sie uns etwas Interessantes über diese Kampfkunst erklären.

Was die meisten von einer Kampfkunst-Vorführung erwarten, ist eine Interaktion, die mehr wie ein tatsächlicher “Kampf” wirkt. Eine Situation des Gewinnen-oder-Verlierens an deren Ende eine der beiden beteiligten Parteien überlegen ist und die andere geschlagen wurde. So hat es das Leben die meisten von uns bisher gelehrt. Konflikt impliziert automatisch, dass wir darum kämpfen, wer Recht hat, stärker ist oder bekommt was er will. Immer geht es dabei um Wettkampf.

Wenn wir allerdings zwei erfahrenen Aikidoka dabei zusehen, wie sie Techniken vorführen, entsteht ein ganz anderes Bild. Leider ist mir nicht bekannt, von wem das folgende Zitat stammt, aber es gehört zu meinen liebsten in Bezug auf Aikido:

„Wenn es nicht wenigstens ein bisschen unecht aussieht, ist es kein gutes Aikido.“

Dem stimme ich zu 100% zu. Aber warum sieht es unecht aus? Und wenn das stimmt, bedeutet das, dass Aikido als Kampfkunst nicht effektiv ist? Auf die zweite dieser beiden Fragen möchte ich in einem späteren Blog Eintrag näher eingehen, aber zur ersten Frage möchte ich gerne etwas weiter ausholen.

Aikido wurde von einem Japaner entwickelt, der den Ruf eines erstklassigen Kampfkünstlers hatte und sich schon lange und intensiv mit dem Studium diverser Kampfkünste auseinandergesetzt hatte, bevor er umdachte und entschied, dass die Menschheit nicht noch eine weitere Methode zum Zufügen von Schmerzen oder Erreichen von Dominanz benötigt. Nachdem er Zeuge der beiden ersten Weltkriege geworden war, wollte er einen neuen Weg gehen und eine Kampfkunst entwickeln, die keine Selbstverteidigung per se, sondern ein Weg zur Aussöhnung der Menschen sein könnte. Das mag zuerst idealistisch und vielleicht sogar weltfremd klingen, drückt aber bei genauerem Hinsehen etwas ganz simples aus: Wir als Menschen wissen nur allzu gut, wie wir uns gegenseitig Probleme machen und Steine in den Weg legen können. Es ist so viel einfacher, es einander schwer zu machen, als Frieden zu schaffen. Streiten und Kämpfen liegt scheinbar in unserer Natur (obwohl die meisten von uns es nicht mögen und lieber vermeiden möchten). Erfolgreiche Kooperation dagegen ist sehr viel komplizierter. Wäre das anders, würden wir alle in glücklichen, dauerhaften Beziehungen leben – sowohl im privaten Bereich als auch am Arbeitsplatz. Das entspricht aber meist nicht der Realität. Kooperation und das Aufbauen und Erhalten gesunder Beziehungen zu Hause und im Beruf ist sehr schwierig und komplex. Nicht nur wenn wir mit “schwierigen” Menschen zu tun haben, sondern sogar mit denen, die uns am Herzen liegen.

Sonja Sauer unterrichtet ein Aikido Seminar in Heggedal, Norwegen. Foto: Sigurd Rage

Hier ist es so wie mit allem, was wir lernen möchten und das nicht einfach ist: Wir müssen üben. Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie gelernt haben, ein Auto zu fahren? Ich hoffe nicht, dass Sie dafür direkt in einen Sportwagen gesetzt wurden und bei der Formel Eins mitfahren mussten. Vielmehr haben Sie das Fahren sicherlich erst in einer gefahrlosen Situation geübt, mit einer Person an Ihrer Seite, die Ihnen dabei geholfen hat, den Prozess zu verstehen. Auf diese Art konnten Sie Erfahrung und Selbstvertrauen gewinnen, um diese komplexe Aufgabe später auch in einer schwierigeren Umgebung erfolgreich ausführen zu können.

Mit Aikido verhält es sich ebenso. Es ist eine sehr komplexe Kunst und wir müssen uns zunächst erst einmal gegenseitig darin unterstützen, sie in all ihren Feinheiten und Formen zu verstehen. Am Anfang steht das gemeinsame, wohlwollende Lernen. Später können wir freier werden und die erlernten Prinzipien auch dann anwenden, wenn es schwieriger wird. Aber es geht noch darüber hinaus.

Zwei Seiten der Medaille

Aikido ist wohl von allen Kampfkünsten diejenige, die im Vergleich die meiste Zeit darauf verwendet, nicht nur die Seite des Verteidigers zu studieren, sondern ebenso die des Angreifers. Nicht nur damit wir lernen, einen technisch korrekten Schlag auszuführen oder um sich bei einem Wurf sicher abrollen zu können. 50% unserer Trainingszeit besteht im Studium dessen, was einen “guten” Angreifer ausmacht. Aus gutem Grund, denn auch als Angreifer wollen wir verstehen, wie die zu übende Technik am besten funktioniert. Dazu üben wir die gleichen Prinzipien, die wir auch als Verteidiger anwenden. Was ist der richtige Abstand zum Gegenüber, wie sollte ich mich positionieren, meine Haltung verbessern, etc.? Studieren wir beide Seiten, verstehen wir letztendlich beide Seiten der Münze und vervollständigen unser Wissen und Können.

Das hilft uns dabei wirklich zu verstehen, wie Konflikte funktionieren und welchen Regeln sie folgen. Von beiden Seiten. Und es führt hoffentlich zu einem besseren Endergebnis, wenn beide Parteien diese Regeln verstanden haben und sie anwenden. Übertragen wir das ins “echte” Leben entsteht ein Bild von Konflikten, bei dem beide Seiten ihr Bestes geben, um den Konflikt miteinander zu lösen, sich auf das Gelernte besinnen und in der Folge zur bestmöglichen Lösung gelangen.

Kommen wir also zurück dazu, wie Aikido aussieht und sich anfühlt, wenn es auf hohem Level geübt wird. Es sieht tatsächlich ein bisschen aus wie Tanzen und scheint für das unerfahrene Auge, als machten es sich die beiden Parteien gegenseitig viel zu leicht. In Wahrheit ist das, was passiert jedoch sehr komplex und sichtbare Konfliktresolution auf allerhöchstem Level. Es demonstriert, was entstehen kann, wenn zwei Kontrahenten die Natur und gleichzeitig das Potential von Konflikten verstanden haben und sich mit ganzem Herzen der Kooperation verschreiben. Und es wird sichtbar, was möglich wird, wenn ein Konflikt auf eine Art und Weise gelöst wird, der beide unverletzt lässt und darüber hinaus ein Ergebnis erreicht wird, das allen Beteiligten hilft, zu wachsen. Jeder für sich, aber auch miteinander. Es ist eine Kunst. Und als solche ist sie, wenn sie gut ausgeführt wird, auch tatsächlich wunderschön. Sowohl als Bewegungform, als auch in Hinblick auf die dahinter verborgene Metaebene.

Gutes Aikido sieht – genau wie erstklassiges Tanzen – so leicht aus. Und trotzdem ist es so schwierig, dass es wie bei den meisten Kampfkünsten viele Jahre des Trainings braucht, Meisterschaft darin zu erlangen.
Funktioniert Aikido in Konflikten tatsächlich? Sogar mit jemandem, der mir nicht wohl gesonnen ist und nicht das gleiche Ergebnis erzielen möchte wie ich? Um ehrlich zu sein: Wahrscheinlich nicht immer. Nicht zu Anfang. Aber je länger wir üben, desto mehr können wir unserem Gegenüber helfen, sich auf echte Kooperation einzulassen. Die Belohnung sind Konflikte, die uns nicht leer und erschöpft zurücklassen, sondern uns reifer, mutiger und positiver werden lassen.

Es lohnt sich.

(Titelfoto: Sigurd Rage)